← Forsthaus.digital

Geschichten aus Stein, Wald und Zeit

Was der Berg behielt

Eine Quarz-Geode aus dem Mühlbachtal erzählt. Trocken, uralt und ziemlich unbeeindruckt von allem, was Menschen Geschichte nennen.

Mit Folge I beginnen ↓
Zwei geöffnete Hälften der im Garten gefundenen Quarz-Geode
Die beiden Hälften · Gartenfund vom Mai 2026

Die Reihe

Zwei Hälften.
Zwei Wege.

Die Geschichten folgen einer Quarz-Geode durch die Zeit – vom römischen Limes über die Rodung Dornholzhausens bis in die Gegenwart.

Der Gartenfund und die abgebildete Geode sind real. Figuren, Begegnungen und die Reise des Steins sind literarische Fiktion.

Folge I · Der Wurf — um 110 n. Chr.


Von außen bin ich nichts. Ein Klumpen aus Lehm und Rost, wie zehntausend andere, die der Mühlbach ins Tal spuckt. Niemand hebt mich zweimal auf. Das ist in Ordnung. Ich habe Zeit — mehr Zeit, als sich ein Wesen mit Beinen und Verfallsdatum je vorstellen kann. Ich sah ein Meer kommen und wieder gehen, offenbar ohne sich zu verabschieden. Ich überlebte Bäume, die für ewig hielten und dann von einem Käfer erledigt wurden. Und ich sah zu, wie die ordentlichsten Menschen der Weltgeschichte einen Wall durch den Wald zogen, schnurgerade, im festen Glauben, ein Zaun würde die Wildnis beeindrucken.

Er tat es nicht. Und, das ist der Teil, den die Römer nie begriffen: Er lief an mir vorbei. Mein Tal, der Mühlbach, lag auf der falschen Seite ihrer Linie — draußen, im Wald, den sie das freie Germanien nannten, mit einer Mischung aus Verachtung und schlecht verhohlener Nervosität. Rom hörte an dieser Palisade auf. Ich fing dort gerade erst an.


Gefunden hatte mich ein Junge, den sie Wulf nannten, unten am Bach, wo mein Weiß aus dem Kies blitzte. Er drehte mich im Licht, wog mich in der Hand, fand mich schwerer und schöner als jeden anderen Stein — und beschloss, ich sei sein Glück. Menschen tun das gern: einem beliebigen Ding Bedeutung geben und dann fest daran glauben. Ich habe nichts dagegen. Es ist der netteste Aberglaube, den sie haben, und Wulf trug mich zwei Sommer lang am Riemen, durch Regen, durch eine verlorene Rauferei und eine gewonnene Werbung um ein Mädchen aus dem Nachbartal. Ich mochte ihn. Für einen Sterblichen war er von erträglicher Dummheit.

Auf der anderen Seite des Walls, oben auf dem Holzturm, stand in jener Nacht ein anderer junger Mann. Sie nannten ihn Tossius, und das war nicht einmal sein Name. Sein Name war lang, klang in seiner pannonischen Heimat wie Wasser über Kiesel und hatte etwas Stolzes mit einem Bären darin. Ein römischer Schreiber mit Tinte am Ärmel und Feierabend im Herzen hatte ihn als TOSSIVS eingetragen, was in keiner Sprache der Erde irgendetwas bedeutet, und dabei blieb es. Man kann ein Reich von Britannien bis an den Euphrat errichten und trotzdem einen jungen Mann sein Leben lang einen Tippfehler sein lassen.

Er fror. Er hatte sich die Grenze des Imperiums glanzvoller vorgestellt; von der Nässe hatte man ihm bei der Werbung nichts erzählt. Vor ihm die Palisade, im Graben davor die lilia — zugespitzte Pfähle, schräg eingegraben, Zähne nach außen, „Lilien" genannt, was ungefähr so passte, als nenne man einen Metzger „Streichelonkel". Hinter ihm, tief im Reich, glomm Feuerschein: Dort trieben zwei Trupps seit dem Sommer einen Stollen in den Berg, weil ein Erzsucher aus Gallien geschworen hatte, hier atme das Silber unter der Wurzel.

Und hier kommt der Teil, den ich seit achtzehnhundert Jahren am liebsten erzähle, weil er mir nie langweilig wird: Sie hatten recht. Das Silber war da, eine fette, glänzende Ader, reich genug, einen Statthalter zum Weinen zu bringen — eine Armlänge neben ihrem Stollen, hinter einer Felswand, an der sie Nacht für Nacht vorbeihämmerten, fluchend, schwitzend, so dicht dran, dass es fast unhöflich war. Ich wusste, wo es lag. Ich weiß, wo in diesem Land alles liegt. Aber ich bin ein Stein. Reden gehört nicht zu meinen Gaben, so gern ich hier eine Ausnahme machen würde.

Es war die dritte Stunde der Nacht, als der Wald verstummte — und dann, viel unangenehmer, wieder laut wurde.

Sie kamen aus dem Dunkeln, ein halbes Dutzend, Wulf mittendrin. Kein Überfall, dafür waren sie zu wenige und zu jung; eher das, was der Optio abschätzig einen Störversuch nannte. Sie warfen Erdklumpen gegen die Palisade, brüllten Dinge auf Germanisch, von denen Tossius nur „eure Mütter" heraushörte, und rüttelten am Wall wie Halbstarke an einem fremden Gartenzaun. Kein Ruhm zu holen, für keine Seite. Tossius griff trotzdem nach dem Horn, das Herz bis zum Hals, weil ihm niemand gesagt hatte, dass Angst nicht zwischen echter und lächerlicher Gefahr unterscheidet.

Und Wulf — der übermütige, verliebte, erträglich dumme Wulf — tat in diesem Moment das Trotzigste, Sinnloseste und, wie ich zugeben muss, Großartigste, was ein Mensch tun kann: Er riss mich vom Riemen, holte aus und schleuderte sein Glück über die Palisade, mitten in Roms Gesicht. Nehmt's doch, wenn ihr alles nehmt. Erstickt dran. Nach ein paar Millionen Jahren als Wurfgeschoss zu enden, hat, bei allem Respekt, eine gewisse Größe.

Ich flog. Über die Spitzen, über den Graben, über die ganze mühsam gezogene Grenze des größten Reiches der bekannten Welt — und landete klackend auf den Bohlen des Turms, direkt vor Tossius' Füßen.

Er zuckte zusammen, als sei ich ein Geschoss (was ich, genau genommen, war), starrte in die Dunkelheit, wo die Germanen schon lachend abzogen, und bückte sich dann nach dem Ding, das ihm die Nacht vor die Sandalen geworfen hatte. Milchiger Quarz. Ein Soldat lernt, dass solche Steine liegen, wo das Erz schläft. Er wog mich in der Hand, so wie Wulf mich zwei Sommer zuvor gewogen hatte, und für einen Herzschlag trugen zwei Feinde denselben Gedanken: Vielleicht bringt der mir Glück.

Er brachte keinem von beiden welches.

Denn als Tossius sich aufrichtete, sah er es — dort, wo der Feuerschein aus dem Stollental nicht mehr hinreichte, zwischen den Stämmen jenseits des Walls: etwas in Gestalt eines Mannes, das zu ruhig war für einen. Kein Germane. Kein Späher. Etwas, das schon dagewesen war, als Rom noch am Rhein hockte und diesen Wald keinen Namen gab, weil man Dinge, die man fürchtet, ungern benennt. Es sah ihn an. Und dem armen, verfrorenen, falsch geschriebenen Tossius dämmerte die eine Wahrheit, für die Männer sonst ein ganzes Leben brauchen: dass die Grenze nicht der Anfang von Roms Land war, sondern das Ende.

Er wich zurück. Nur einen Schritt. Aber ein Schritt genügt, wenn man einen glatten Stein in einer schwitzigen Hand hält.

Ich fiel — vom Turm auf den nackten Fels, den sie freigelegt hatten. Ich fiel, wie ich seit dem Meer nicht gefallen war, und der Fels nahm ohne Umschweife, was das Wasser in Jahrmillionen geformt hatte. Ich zerbrach. Zwei Hälften, ein Riss sauber wie ein Schwertschnitt quer durch die Höhle — und zum allerersten Mal fiel Licht in mein Inneres, auf tausend Kristalle, die nie ein Auge gesehen hatte, weiß und funkelnd im Fackelschein wie ein Stück gestohlener Himmel. Ich will nicht dramatisch sein. Aber nach ein paar Millionen Jahren Dunkelheit ist das schon ein Auftritt.

Die Gestalt im Wald war fort, als hätte sie nur gewartet, bis der Berg endlich seinen Schmuck zeigt, und keinerlei Interesse am übrigen Theater gehabt.

Am Morgen fanden sie Tossius schlafend, das Horn ungenutzt, weit und breit kein Feind. Zwei Tage Wache ohne Wein und den Ruf, im Dunkeln zu träumen. Er hob nur die eine Hälfte auf, die vor ihm auf den Bohlen lag, wischte den Lehm ab und schob sie in den Beutel. Ein Glücksstein. Etwas, das ihn heimbringt, über den Fluss, nach Pannonien. (Tat es nicht. Aber das ist eine andere Geschichte, und dabei war ich nicht dabei — Steine werden nicht überallhin eingeladen.)

Die andere Hälfte fiel durch eine Ritze der Bohlen hinunter, über den Fels, den Hang hinab — zurück auf die freie Seite, in den Mühlbach, in meinen Wald. Nach Hause. Wulf suchte drei Tage danach. Er fand einen Kiesel, der ähnlich aussah, redete sich ein, es sei derselbe, und war zufrieden. Menschen sind so. Es ist ihre liebenswerteste Eigenschaft.

Die Heimat-Hälfte blieb, wo sie hingehörte. Und es sollte mehr als tausend Jahre dauern, bis eine Hand sie wieder aus der Erde hob — in einem Dorf, das damals noch gar nicht stand, an einem grauen Novembertag des Jahres, das die Mönche 1260 schrieben, gefunden von einem Mann mit noch weniger Ahnung als Tossius. Was, ehrlich gesagt, eine Leistung ist.

Aber ich greife vor.


Fortsetzung: Folge II · Die Rodung (1260)

Folge II · Die Rodung — 1260


Elfhundertfünfzig Jahre sind eine lange Zeit für einen Menschen und ein Nachmittag für mich. Ich verbrachte sie im Bach, halb im Schlamm, die offene Seite nach unten, die Kristalle im Dunkeln — was fast komisch ist, wenn man bedenkt, welchen Aufwand ich beim ersten Mal betrieben hatte, um ans Licht zu kommen. So ist das mit großen Auftritten. Danach räumt niemand die Bühne.

Über mir änderte sich die Welt in der üblichen Reihenfolge: erst der Lärm, dann die Stille. Rom zog seine Grenze ein, so wie man abends die Wäsche hereinholt, und ließ die Palisade dem Wald. Die lilia verrotteten. Der Wall sackte in sich zusammen zu einem langen, grasüberwachsenen Buckel, der sich schnurgerade durch den Forst zog und keinem Bach, keinem Hang, keiner Vernunft folgte — und weil Menschen etwas, das sie nicht verstehen, gern dem Teufel zuschreiben, nannten sie ihn bald des Teufels Mauer. Der Teufel, hätte ich ihnen sagen können, hatte damit nichts zu tun. Es waren nur sehr müde junge Männer aus Pannonien mit Schaufeln. Aber ich bin ein Stein, und den Menschen ist eine gute Geschichte lieber als eine wahre. Das ehrt sie fast.


Im Jahr, das die Mönche 1260 schrieben, kamen sie zurück, um Bäume zu fällen.

Nicht die Römer — die waren längst zu Sagen geworden. Diese hier gehörten dem Grafen, wer immer es in diesem Landstrich gerade war; der Einrich wechselte den Herrn so oft, dass ein kluger Bauer seine Abgaben vorsichtshalber niemandem zahlte und auf Nachfrage bekümmert schaute. Sie kamen mit Äxten und Ochsen und dem festen Vorsatz, aus einem Stück zähem Taunuswald ein Dorf zu machen. Sie rodeten das dürre Gehölz am Hang, das Reisig, das trockene Holz — und weil der Mensch benennt, was er besitzt, nannten sie den Ort nach dem, was sie zuerst wegräumten: Durrenholzhusen. Die Häuser beim dürren Holz. Man baut eine Heimat für die Ewigkeit und benennt sie nach Gestrüpp. Ich mag die Menschen wirklich.

Ans Licht holte mich, ich sage es ungern, ein Schwein.

Es gehörte einem Hirten namens Cunz, der die Ehre gehabt hätte, weniger Ahnung von der Welt zu haben als der arme Tossius, wäre er nicht so vollkommen zufrieden damit gewesen. Cunz besaß drei Dinge: eine durchlöcherte Gugel, ein unerschütterliches Gemüt und eine Sau von der Größe eines kleinen Ochsen, die er, aus Gründen, die er selbst nicht mehr wusste, Gräfin rief. Während die Männer weiter oben fluchten und fällten, wühlte die Gräfin am Fuß des alten Teufelswalls im weichen Bachgrund nach Eicheln, Wurzeln und allem, was ein Schwein für lohnend hält — und stieß mit dem Rüssel gegen mich.

Über den Limes geworfen zu werden, hatte, bei allem Respekt, eine gewisse Größe. Von einer Sau namens Gräfin ausgegraben zu werden, hat das nicht. Aber es ist ehrlich, und nach elfhundert Jahren im Schlamm nimmt man, was kommt.

Cunz sah das Schwein an etwas kauen, das nicht nachgab, fluchte, watete hin, langte in den Matsch — und hielt eine Faust voll Dreck ins graue Novemberlicht. Er wischte sie am Wams ab. Und da war es: die Bruchseite nach oben, tausend Kristalle, weiß und funkelnd selbst unter diesem lahmen Himmel, ein Stück Höhle, ein Stück gefrorenes Sternenlicht in einem gewöhnlichen Klumpen Stein.

Cunz, der noch nie in seinem Leben etwas besessen hatte, das schöner war als er selbst, setzte sich in den Matsch und starrte mich an, bis ihm kalt wurde.

Dann tat er das, was Menschen mit Wundern tun: Er bekam es mit der Angst. Ein Stein, hohl und voll Licht, gefunden am Teufelswall — das roch nach Hexerei, nach dem Bösen, nach Ärger, den ein Schweinehirt sich nicht leisten kann. Er hätte mich fast wieder in den Bach geworfen. Aber die Gräfin schnaufte ihn an, so vorwurfsvoll, wie nur ein Schwein schnauben kann, das findet, es habe die eigentliche Arbeit getan — und Cunz, der auf das Urteil seiner Sau mehr gab als auf das des Pfaffen, steckte mich stattdessen in den Beutel.

Er zeigte mich niemandem. Nicht dem Priester, der die neue Kapelle weihen sollte und Dinge aus der Erde grundsätzlich für verdächtig hielt. Nicht den anderen, die schnell entschieden hätten, wem so ein Fund zusteht (dem Grafen, wer immer es gerade war). Cunz behielt mich für sich, wickelte mich in einen Lappen und legte mich in eine Nische seiner Kate, hinter den Herdstein, wo ich im Feuerschein manchmal aufblitzte wie ein Auge, das sich öffnet. Er redete mit mir. Über das Wetter, die Gräfin, ein Mädchen, das ihn nicht wollte. Ich hörte zu. Zuhören kann ich besser als jeder Mensch; ich übe seit dem Meer.

Einmal, in einer klaren Winternacht, ging er hinaus zum Teufelswall — warum, hätte er nicht sagen können; die Menschen gehen manchmal einfach dorthin, wo etwas an ihnen zieht. Der Schnee lag blau im Mondlicht auf dem alten Buckel, und für einen Herzschlag stand am Waldrand, wo die Bäume schwarz wurden, etwas in Gestalt eines Mannes, das zu ruhig war für einen. Es sah ihn an. Cunz sah zurück, ohne zu erschrecken, weil er zu einfältig war, um zu wissen, dass man sich fürchten sollte — und das, ehrlich, ist manchmal die klügste Antwort, die ein Mensch geben kann. Dann war es fort. Cunz ging heim, legte sich zur Gräfin in den warmen Stall und schlief den Schlaf der wahrhaft Sorglosen.

Er wurde alt in Durrenholzhusen. Er heiratete am Ende doch, nicht das Mädchen, das ihn nicht wollte, sondern eine Witwe, die ihn nahm, wie man einen zutraulichen Hund nimmt. Mich vergaß er nie ganz, aber er brauchte mich mit den Jahren seltener; das Glück, das die Menschen in Steinen suchen, hatte er sich längst selbst gebaut, aus Herd und Frau und einer allzu großen Sau. Als er starb, blieb ich hinter dem Herdstein, und das Dorf wuchs über uns beide hinweg, Kate um Kate, Name um Name, ein Jahrhundert nach dem anderen, so gründlich, dass niemand mehr wusste, dass hinter einem alten Stein ein Stück Himmel lag.

Meine andere Hälfte war da schon lange fort. Ich spürte sie nicht mehr — nur die Leerstelle, wie man eine Zahnlücke mit der Zunge sucht. Sie war mit Tossius über den Fluss gegangen, in ein Reich, das es nicht mehr gab, und was aus ihr wurde, weiß ich bis heute nicht ganz. Ein Stein hat viel Zeit zum Vermissen. Man gewöhnt sich nicht daran. Man wird nur besser darin, es auszuhalten.

Sie zu suchen ist nicht meine Art zu erzählen — ich liege, wo man mich hinlegt, und warte. Aber ich verrate so viel: Es sollte noch einmal fast siebenhundert Jahre dauern. Dann kam ein Krieg über das Land, ein größerer und dümmerer als alles, was Rom sich je ausgedacht hatte, und danach ein Junge mit einem geliehenen Fahrrad, einer Blechschachtel voller Fundstücke und dem festen Willen, hinter dem Teufelswall einen Schatz zu finden.

Er fand mehr, als er suchte. Aber ich greife vor.


Fortsetzung: Folge III · Der Junge und der Wall (1950er)

Folge III · Wie man betet — 1608


Ein Stein misst die Zeit nicht in Jahren, sondern in Händen. Von Cunz' Herdnische wanderte ich durch mehr davon, als ich gezählt habe: Kinder, die mich fanden und wieder verloren, ein Maurer, der mich fast in ein Fundament mörtelte und es sich anders überlegte, eine Wöchnerin, die mich unters Kissen legte, weil ihr die Alte im Nachbarhaus gesagt hatte, ein hohler Stein voll Licht halte den Tod vom Bett fern. Er tat nichts dergleichen. Aber das Kind lebte, und danach war ich in Durrenholzhusen nicht mehr bloß ein Stein. Ich war der Herrgottsstein — ein Wunder, ein Heiltum, je nach dem, wen man fragte, auch: ein Teufelsding, gefunden schließlich an des Teufels Mauer.

Das ist das Praktische an einem Ruf. Man muss nichts dafür tun. Die Menschen erledigen ihn unter sich.


Dreihundertfünfzig Jahre lang genügte ihnen der eine Gott, und sie stritten nur darüber, welchem Heiligen man an welchem Tag eine Kerze schuldete. Dann, ich hatte gerade nicht hingesehen, hatten sie sich einen neuen Weg ausgedacht, einander zu hassen: nicht mehr ob man betete, sondern wie. Ob Bilder an den Wänden hingen oder nackter Kalk. Ob Brot Brot blieb oder mehr wurde. Ob der Herrgottsstein einer armen Frau Trost sein durfte oder ein Götze war, den man zerschlagen musste, um Gott zu gefallen — demselben Gott, in dessen Namen sie sich das Zerschlagen gegenseitig vorwarfen. Ich bin sehr alt. Ich habe Meere kommen sehen. Aber diesen Streit habe ich nie verstanden, und ich sage das ohne Stolz.

Nach Durrenholzhusen kam der Streit in Gestalt zweier Männer, die beide für dieselbe Kanzel bestimmt waren, was schon der Fehler war.

Der erste war alt und hieß nicht mehr viel; die Grafen von Nassau hatten ihre Meinung darüber, wie in ihren Landen zu beten sei, mehrmals geändert, und mit jeder Änderung war er ein Stück falscher geworden, ohne sich zu bewegen. Man hatte ihn abgesetzt. Er blieb trotzdem im Dorf, in einer kalten Kammer neben dem Pfarrhaus, das nun einem anderen gehörte, und wurde von Jahr zu Jahr dünner und schärfer, wie ein Messer, das man zu oft wetzt.

Der zweite war jung und hieß Piskator und kam mit klaren Augen und klaren Vorstellungen und der festen Absicht, in Durrenholzhusen aufzuräumen. Aberglaube, sagte er, sei die Hintertür, durch die der alte Irrtum zurückkomme. Er meinte die Kerzen, die die Weiber noch heimlich der Muttergottes stellten. Er meinte den Segen, den die alte Greth über Kranke sprach. Und er meinte mich — den Herrgottsstein, den Greth in einem Tuch bei sich trug und den halbe Dorf für heiliger hielt als das ganze Neue Testament auf der Kanzel.

„Ein Stein", sagte Piskator einmal, laut, damit es ankam, „ist ein Stein. Wer ihn anbetet, betet den Dreck an, aus dem er kroch."

Er hatte, das muss ich zugeben, in jedem Wort recht. Ich bin ein Stein. Ich kroch aus dem Dreck. Nur mit dem Anbeten irrte er sich — niemand betete mich an, sie hielten sich bloß an mir fest, so wie ein Kind sich im Dunkeln an einem Löffel festhält, weil er das Nächste ist, was nicht wackelt. Aber Recht zu haben und verstanden zu werden sind zwei verschiedene Länder, und Piskator ist zwischen ihnen nie angekommen.

Es war ein nasser Abend im Herbst, als der alte Mann in die Stube des jungen trat. Greth war dort, in Tränen, weil man ihr den Stein hatte wegnehmen wollen; ich lag auf dem Tisch zwischen einer Bibel und einer heruntergebrannten Kerze, und Piskator redete, wie er immer redete, richtig und kalt. Der Alte hörte zu. Und in dem Alten, das begriff ich in diesem Moment, war längst nichts Theologisches mehr. Er hatte nicht die Reformierten gegen die Lutherischen im Bauch, nicht die Bilder gegen den Kalk. Er hatte nur den einen, ganz einfachen, uralten Gedanken, den Menschen fassen, wenn man ihnen alles genommen hat, was sie waren: Der da steht auf meinem Platz.

Ich hätte ihn warnen können. Ich hätte sagen können: Junger Mann, Rechthaben hat noch keinen am Leben gehalten; sieh dir die Hände deines Vorgängers an, nicht seine Lehre. Aber ich bin ein Stein, und meine einzige Gabe ist, dazuliegen und mir alles zu merken.

Der Alte hatte ein Messer, wie es jeder hatte, zum Brot, zum Riemen, zum Leben. Es ging schnell, schneller, als eine Predigt je zu Ende geht. Piskator sah mehr überrascht als erschrocken aus — als hätte man ihn mitten im Satz unterbrochen, und das war für ihn vermutlich das Schlimmste. Die Kerze fiel. Greth schrie. Und ich lag auf dem Tisch in einer Pfütze, die sich langsam von der verschütteten Bibel zu mir schob, dunkel und warm, und dachte den einzigen Gedanken, den ein Stein in solchen Nächten denkt: Auch das geht vorbei. Auch das wird Gras.

Sie hängten den Alten nicht. Er war zu alt und starb von selbst, ehe der Graf — welcher auch immer es gerade war — sich zu einem Urteil aufraffen konnte. Über Piskator legten sie einen Stein mit seinem Namen, einen ordentlichen, behauenen, der genau das sein sollte, was er war, und nichts weiter. Über die ganze Sache legten sie Schweigen, das in Dörfern die zweitbeste Grabplatte ist.

Mich trug Greth heim, wusch das Blut ab, das nicht das ihre war, und redete danach nie wieder ein Wort über Wunder. Sie legte mich in eine Truhe, unter Leinen, wo kein Pfarrer und kein Graf mich suchen würde, und dort lag ich im Dunkeln, und zum ersten Mal seit dem Meer war mir das Dunkle lieber als das Licht. Ich hatte, offen gesagt, genug gesehen von der Art, wie Menschen einander lieben, indem sie einander erklären, wie man es richtig tut.

Draußen, an des Teufels Mauer, stand in jener Woche etwas am Waldrand, zu ruhig für einen Mann, und sah zum Dorf herüber. Es sah nicht bekümmert aus. Es hatte schon Legionen kommen und gehen sehen; zwei Pfarrer waren dagegen nichts. Vielleicht ist das der einzige Trost, den ein Ort zu geben hat: dass er bleibt, wenn die Rechthaber gegangen sind, und den Wald über allem zumacht wie eine Hand über einer Wunde.

Meine andere Hälfte war weit weg, am Zusammenfluss der großen Flüsse, und ging in jenen Jahren durch feinere Hände als ich — durch Höfe, Perücken und Intrigen, die sich für den Nabel der Welt hielten. Wir hätten uns viel zu erzählen gehabt. Aber ein Stein ruft nicht. Ein Stein wartet.

Und ich hatte Zeit.


Fortsetzung: Folge IV · Das leere Dorf (Dreißigjähriger Krieg)

Fortsetzung folgt

Folge IV · Das leere Dorf

Die nächste Folge führt in den Dreißigjährigen Krieg – in ein Dorf, aus dem erst die Menschen und dann selbst die Geräusche verschwinden.

Fakt & Fiktion

Historischer Rahmen

Belegt sind der Verlauf des römischen Limes in der Gemarkung, die erste Erwähnung Dornholzhausens als „Durrenholzhusen“ im Jahr 1260 und Bergbauspuren im Mühlbachtal. Die konkrete Handlung der Kurzgeschichten ist erfunden.